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DER TIERSCHUTZHUND

Foto by MSVG

"Die Eingewöhnung eines Hundes aus dem Auslandstierschutz" 

 

Ich falle gleich mit der "Tierschutztüre" ins Haus, um ein wenig aufzuklären, dass Jahre in einem ausländischen Shelter tief prägend für diese Hunde sind - emotional, sozial und verhaltensmäßig. Und es erklärt viele der heutigen Eigenschaften.

 

Sie alle haben eine besondere  Geschichte, die sich nicht auslöschen läßt, aber mit der man wunderbar leben kann, wenn man sie versteht - es sind großartige Hunde.

 

Was bewirkt das Leben im Tierheim bei Hunden?

 

  • Selbstschutz durch Distanz.

 

  • Jahre in einem überfüllten, lauten und unsicherem Tierheim lehren einen Hund:

 

  •  Rückzug bedeutet überleben.

 

  • Nicht jede Berührung ist gut gemeint.

 

  • Nähe ist nicht sicher.

 

Deshalb suchen diese Tiere oft keinen dauerhaften Körperkontakt, zumindest nicht in der ersten Zeit. Sie behalten lieber die Kontrolle und bleiben auf Distanz.

 

Hat man sich das Vertrauen des Hundes geduldig verdient, darf man darauf hoffen, daß er Nähe gerne zulässt. Andrerseits gibt es Hunde, die sich unabhängig von der Größe als Schoßhund verstehen. Es ist immer individuell.

 

Aufmerksamkeit ist Mangelware:

PflegerInnen in Tierheimen haben gar nicht die Kapazität für all die vielen Hunde, die die Erfahrung machen "ich bin auf mich selbst gestellt". Das kann sie unabhängig machen und zu selbstständigem Handeln führen. Es kann aber auch große Unsicherheit bedeuten. Sie sind intelligent und stabil, sofern man diese Hunde nicht drängt. 
 

Misstrauisch Neuem gegenüber:

Fremde Hunde, fremde Menschen, neue Situationen werden nicht sofort akzeptiert. Zuvor beobachten diese Tiere alles und jeden sehr genau, bevor sie sich auf eine Beziehungsbindung einlassen.

 

Vertrauen passiert nicht automatisch, das müssen wir uns ebenfalls verdienen - durch Zuverlässigkeit, Souveränität und authentisch müssen wir bleiben. Hunde haben einen Riecher dafür, wenn der Mensch ihnen etwas auf die Nase binden will.

 

Die Auswahlkriterien eines Hundes aus dem Tierschutz sind andere, als bei einem seriösen! Züchter.

 

Diese Fellnasen tragen immer einen emotionalen Rucksack mit oft unschönen Erlebnissen aus der Vergangenheit mit sich. 

 

Fellfarbe, Größe und optische Ähnlichkeiten mit dem Wunschhund sind häufige Auswahlmotive. 
 

Wichtig ist auch die Überlegung, ob Du eher ein sportlicher Typ bist oder jemand, der es gemütlich angeht und dessen Interesse über regelmäßige Spaziergänge nicht hinausgeht.


Tipps zur Eingewöhnung, um Fehler von Beginn an zu vermeiden:

 

Biete genug Rückzugsmöglichkeiten:

 

Dein Hund braucht viel Ruhe. Der Rückzugsort soll ein sicherer Hafen sein.

 

Vermeide Futterexperimente:

 

In den ersten Wochen sollte ähnliches, nicht hochwertiges Futter gegeben werden. Eine zu rasche Futterumstellung kann den Körper zusätzlich belasten. Auch später sollten Hundefuttersorten nicht durchprobiert werden. 

 

Anfänglich die Tagesration auf drei bis viermal aufteilen. Auch später ist zwei bis dreimal täglich füttern ideal, damit der Blutzucker nicht Karusell fährt ...

 

Routinen und Rituale entwickeln:

 

Damit dein Hund Sicherheit gewinnt in der neuen Welt, ist für ihn Vorhersehbarheit wichtig.

 

Klare Abläufe helfen ihm, viele neue Eindrücke einzuordnen und zu verarbeiten.

 

Doppelt sichern mit breiterem Halsband und Sicherheitsbrustgeschirr:

 

Wann immer du das Haus verlässt, ist eine ordentliche Sicherung unverzichtbar. Jeweils eine Laufleine am Halsband und eine am Sicherheitsbrustgeschirr. Keine Flexileine!

 

Kurze, dafür öfters Gassigänge von ca. 10 Minuten:

 

Hunde aus Tierheimen, Hunde die an Ketten waren, müssen den Unterschied zwischen drinnen und draußen oft erst lernen. Welpen sowieso.

 

Zeige deinem Hund, wo er sich lösen darf und lobe ihn erfreut, aber ruhig. Anfängliche Routinen wie gleiche Wege, helfen ihm bei der Orientierung in den ersten paar Wochen. 

 

In den ersten ein, zwei Wochen sollte Besuch von mehr als 2 Personen vermieden werden: 

 

Gib deinem Hund die Chance sich an die neue(n) Bezugsperson(en) zu gewöhnen. Wenn er sehr zurückgezogen ist, gib ihm genug Zeit, bevor du ihn Verwandten und Freunden vorstellst.

 

Lerne die Körpersprache deines Hundes zu lesen und lasse dich auf ihn ein:

 

Für einen guten Start ist es wichtig zu erkennen, was dein Hund empfindet, wie es ihm geht.

 

Lerne seine Körpersprache kennen und seine Signale richtig zu interpretieren und richtige eigene Signale zu senden.

 

Ein abgewandter Kopf oder angelegte Ohren können wichtige Hinweise sein, daß er sich bedrängt fühlt. So kannst du vermeiden, daß dein Hund deutlichere Mittel wie schnappen einsetzt, weil er davor nicht verstanden wurde.

 

Suche dir rechtzeitig Unterstützung durch einen Profitrainer, qualifiziert im Verhaltensbereich:

 

Hunde aus dem Auslandstierschutz können sehr unterschiedlich sein und Schwierigkeiten mitbringen, die du nicht erwartet hast. Das trifft auch zu, wenn bereits einer oder mehrere Hunde vorhanden sind! Häufig trügt der Schein, daß Hunde mit allem gut zurecht kommen.

 

Selbst für erfahrene HundehalterInnen mit Hunden aus dem Ausland, ist es öfter notwendig professionelle Unterstützung anzunehmen.
 

Kompetente Verhaltensberatung kann den Start ins gemeinsame Leben deutlich erleichtern.

 

Einen Hund aus dem Ausland, aber auch aus dem inländischen Tierschutz einzugewöhnen, bedeutet auch immer ein bisschen improvisieren, lernen, umsichtig ausprobieren; aber bitte "light". 
 

Möglicherweise ist dein Hund da und dort auch eine "coole Socke" und nimmt so manches Neue entspannt auf.

 

Wichtig ist jedenfalls, daß du die volle Verantwortung für ihn übernimmst und ihm dadurch Halt und Sicherheit vermittelst.

 

Dein Hund hat eine traurige Vergangenheit, doch sei dir bewußt, daß er jetzt in Sicherheit und gut bei dir aufgehoben ist. Für ihn zählt, daß er in der Gegenwart gut zurechtkommt.
 

Zu berücksichtigen ist auch, daß die Aufnahme eines Hundes immer Verzicht und Einschränkungen mit sich bringt. Prüfe deshalb gut, ob dieser Hund zu deinen Lebensumständen, jetzt und auch in 15 oder mehr Jahren, paßt.

 

Hundekinder haben öfter Schwierigkeiten, ihr Geschäftchen zu verrichten, da sie erst lernen müssen, draußen von drinnen zu unterscheiden. Das gilt auch für ältere und alte Tiere. 

 

Hinzu kommt, daß  sie oft von Umwelteinflüssen abgelenkt sind und dann glatt darauf vergessen.

 

Mit Geduld und einem guten Zeitmanagement klappt es bestimmt. Faustregel: kurz nach der Fütterung, nach dem Spielen, nach dem Schlafen, muß dein Hund raus.

 

Tierheim-MitarbeiterInnen können in der Regel das Verhalten der Hunde im Tierheim beschreiben.

Sie können aber nicht vorhersehen, wie sich ein Vierbeiner in seinem neuen Zuhause entwickelt. Dies hängt auch davon ab, ob bereits Wissen und Erfahrung seiner neuen Menschen vorhanden ist, oder ob es sich diesbezüglich um "Neuland" handelt.   

 

Interessenten, Pflegefamilien, Adoptanten:

 

Die Bereitschaft, professionelle Verhaltensberatung (kein Volltraining!) in Anspruch zu nehmen, sollte vorhanden sein.

 

So mancher Verein ist gut vernetzt, wozu auch manchmal Profi-Hundetrainer*innen zählen, die erfahren sind in punkto Beratung und Umgang mit Hunden aus dem Auslandstierschutz.

 

Von einem umfassenden Hundertraining in den ersten Wochen/Monaten ist dringend abzuraten, da es zu Überforderung und in der Folge zu Stress kommen kann, der zu Fehlverhalten führt.

 

Das gilt ebenso für Besuche in Hundezonen, die erstmal tabu sind. Naturgemäß besteht noch keine wirkliche Bindung und der Hund ist auf sich alleine gestellt. Probleme sind vorprogrammiert.

 

Hunde und Kinder: 

 

Viele Eltern sind unsicher, ob die Haltung eines Familienhundes eine gute Idee ist. Sie tun gut daran alle Für und Wider genau zu prüfen. Immer wieder kommt es dazu, daß das Kind gar keinen Hund wollte und nicht mehr interessiert ist. Vielmehr haben es die Eltern für gut befunden.

 

Denn es ist nichts schlimmer, als den geliebten Vierbeiner wieder abgeben zu müssen; beipsileweilsweise esweil es Probleme zwischen Hund und Kind gibt, es sich herausstellt, daß der Zeitaufwand für die Erziehung des Hundes zusätzlich zur Erziehung des Kindes unterschätzt wurde, weil das Kind gar keinen Hund wollte etc.
 

DENKE BITTE DARAN, DASS DEIN HUND SEIN LEBEN FÜR VIELE JAHRE VERTRAUENSVOLL IN DEINE HÄNDE LEGT!

 

 

Infoblatt 2019

"Dein Hund aus dem Auslandstierschutz" 

"PFOTEVITALDOGS", www.hundetraining-pfotevital.at, +43/664 3132 317